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"Von einem, der vom Neo-Nazi zum Aufklärer wurde"

Die Badische Zeitung berichtet über die vom Caritasverband veranstaltete Lesung des Aussteigers aus der rechten Szene Christian Weißgerber, der spannende Einblicke in diese fremde Welt gibt.

Manchmal bricht alles zusammen. Der Beamer, das Mikrofon. Während Reinhard Zahn vom Caritasverband versucht, irgendwie die Technik ins Laufen zu bekommen, sitzt der Ex-Neonazi Christian E. Weißgerber auf der Bühne des Gemeindesaals von St. Peter und fragt lächelnd: "Hat jemand vielleicht das Passwort von Herrn Zahn?" Als klar ist, dass da nichts zu retten ist, beginnt er zu erzählen. Sein Buch, aus dem er im Rahmen der Lörracher Wochen gegen Rassismus lesen will, bleibt unaufgeschlagen vor ihm liegen. Fast zweieinhalb Stunden wird er reden, schnell und viel. Der 33-Jährige hat Kulturwissenschaften und Philosophie studiert, aber spricht leicht verständlich. Sein Vortrag ist stellenweise sehr lustig, er hat einen guten Witz. Die rund 15 Zuhörer kichern nur diskret in ihre Masken – kollektive Betroffenheit gehört zum Thema. Weißgerber ist nicht betroffen. Er ist sachlich.
Alltagsrassismus und "alternative Medien"

Wie wird man Neonazi? Weißgerber, der in den frühen 2000er-Jahren und bis zu seinem Ausstieg 2010 zu den Gründern und führenden Köpfen der Autonomen Nationalisten in Thüringen gehörte, zeichnet ein differenziertes Bild. Vergessen von der Mutter, die in den Westen ging, vom Vater verprügelt, sagt er: "Herkunft sagt extrem wenig darüber aus, was Menschen aus ihrem Leben machen." Es ist nicht so einfach, wie es sich die Gesellschaft einreden möchte: schlechte Kindheit, falsche Freunde und – zack – Nazi.

Sein Weg wurde geprägt von Alltagsrassismus, der in seine Denkweise rann, von der Relativierung des Nationalsozialismus und seinem – auf dem humanistischen Gymnasium geförderten – "kritischen Geist". Er begann, sich über "alternative Medien" zu informieren. Was Weißgerber heute als Geschichtsrevisionismus bezeichnet, erschien ihm damals als faszinierendes Geheimwissen. "Ich versuchte, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen. Ich habe das Gefühl gehabt, ich bin ein extrem kritischer Jugendlicher." Ähnlichkeiten zur Reichsbürger- oder Querdenkerszene sind nicht zufällig.
Aber auch das "positive Machterlebnis" reizte den Jungen aus armen Verhältnissen. Er genoss es, wenn seine Mitschüler ihn fürchteten, vor ihm zur Seite gingen. Für ihn war das ein Spalier. "Nazis als Monster zu sehen, ist gut für sie." Weißgerber spricht von der psychischen Gewalt, die er ausübte, dem Spaß am Hass und der Lust am Ressentiment: "Ich habe das genossen." Er mahnt, dass Prävention früh stattfinden müsse: "Wenn die Leute in der Szene sind, ist es in den allermeisten Fällen zu spät." Er beschreibt sie als Ersatzreligion, mit sakralen Orten, eigenen Feiertagen, eigener Moral. Er beschreibt auch die rechtsextreme Erlebniswelt mit Undergroundkonzerten und Ferienlagern. Und er beschreibt die rechtsextreme Parallelindustrie mit eigenen Labels, Verlagen, aber auch Handwerksbetrieben und anderen Unternehmen. Es ist, das wird deutlich, eine Parallelgesellschaft.

Der Abiturient zählte sich zur Elite

Zu der für Christian E. Weißgerber auch der Körperkult gehörte. Mit 18 ließ es sein wallendes Haar abschneiden und sich tätowieren. Er aß kein Fleisch mehr, trank keinen Alkohol mehr, rauchte nicht mehr. Dafür stählte er seinen Körper, wurde zum Krieger – körperlich wie geistig. Er gründete eine eigene Jugendorganisation. Aber viele seiner Kameraden seien eine Enttäuschung gewesen – viel zu undiszipliniert. Der Abiturient zählte sich zur Elite. Und zu den damals bei Jungrechten beliebten Autonomen Nationalisten (AN), die optisch den Stil der Linksautonomen kopierten, Nu Metal und Hardcore hörten und auf ihren Demos ebenfalls einen schwarzen Block initiierten, um Polizeiketten durchbrechen zu können.

Letztlich war die AN ein Schritt in den langwierigen Ausstieg: "Es gibt kein Erweckungserlebnis." Die Enttäuschungen über die undisziplinierten Kameraden und die Grabenkämpfe in der Szene begannen ihn zu desillusionieren. Die AN ließen sich auf Diskussionen mit linken Gruppen ein, um vom Feind zu lernen. Man stritt sich, aber man freundete sich an. "Etwas sickerte durch", sagt Weißgerber. Die Ideologie zerbröselte. Er begann, seinen Körper und seinen Geist zu demilitarisieren. "Man muss anders fühlen lernen."

Verantwortlich für das, was er anderen beigebracht hat

Weißgerber, der acht Sprachen spricht, ist als Bildungsreferent unterwegs, hält Vorträge, gibt Workshops. Es ist seine Art, Verantwortung zu übernehmen für das, was er selbst getan hat und das, was er anderen beigebracht hat. Am Ende des Abends ist klar: Zweieinhalb Stunden sind zu kurz für das Thema. Selbst wenn einer so viel und so schnell redet. Fast schüchtern verabschiedet er sich, macht kurz Werbung für seine Band – When Theia Created the Moon – die Death Metal macht. Ganz am Ende fällt es ihm dann ein: "Was ich vergessen hab, ist aus dem Buch vorzulesen."