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"So macht man Menschen krank"

KRISENDIENST kümmert sich um auffällig gewordene Flüchtlinge

Zeitungsartikel BZ vom Mittwoch, den 14.04.2021


Kreis Lörrach. Sie haben traumatische Fluchterfahrungen, aber keine Chance auf ein besseres Leben. Infolge dessen werden manche Geflüchtete psychisch auffällig oder straffällig. Zwei Sozialarbeiter der Caritas kümmern sich jetzt im Kreis Lörrach um diese Menschen. Die beiden kritisieren das System, das manchen Geflüchteten keine Hoffnung lasse.

Das Klientel von Nadja Mrad und Florian Schumacher hat keine Perspektiven mehr. "Es sind junge Männer in einer komplett aussichtslosen Situation", sagt Florian Schumacher. Sie kommen aus Nigeria, Gambia, Pakistan oder Afghanistan, haben einen Duldungsstatus, aber keinen Zugang zu Jobs oder Sprachkursen. Oft beziehen sie verminderte Leistungen, zum Leben bleiben ihnen weniger als 200 Euro im Monat. Die, die länger als zwei Jahre in Deutschland sind, müssen aus den Gemeinschaftsunterkünften in städtische Unterkünfte oder in Obdachlosenunterkünfte ziehen. "Der politische Plan dahinter ist, dass die Leute ausreisen sollen", sagt Schumacher. "Aber niemand reist deswegen aus." Denn von dort, wo diese Männer geflüchtet sind, sei die Situation oft noch schlimmer. Teilweise haben sie keine Familien mehr oder keinen Kontakt mehr zu ihnen. Kehren sie nach Hause zurück, sind sie sozial ruiniert. Also harren sie aus.

Die Kombination aus zu viel Zeit und zu wenig Perspektive führe schon strukturell bedingt zu Auffälligkeiten. Hinzu komme, ergänzt Schumachers Kollegin Nadja Mrad, dass die Männer oft jahrelange und traumatische Fluchterfahrungen hinter sich haben. Sie leben sozial isoliert, aber gleichzeitig ohne Privatsphären in den Unterkünften. Um sich zu betäuben, greifen sie zu Alkohol und anderen Drogen. Und letztlich ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Kriminalität und Gewalt. "Dabei kann man diese Spirale unterbrechen", sagt Mrad. Bewilligt wurde der Krisendienst für auffällige Flüchtlinge der Caritas bereits im Herbst 2019. Zu Jahresbeginn konnten die beiden Sozialarbeiter die Arbeit aufnehmen. Über die Sozialbetreuer in den Unterkünften oder über die Gemeinden werden sie aufmerksam auf auffällige Flüchtlinge.

Nadja Mrad und Florian Schumacher nehmen von sich aus den Kontakt auf. Es sei nicht leicht, Vertrauen zu den Männern herzustellen. Zwar seien sie relativ offen, sagt Schumacher. Aber es brauche Zeit, bis gewisse Themen angesprochen werden können. Diese Zeit können sich Mrad und Schumacher, die beide viel Erfahrung im Umgang mit Geflüchteten haben, nehmen. Einmal wöchentlich finden Treffen statt. "Wir wollen erstmal nichts", sagt Schumacher. Außer zuhören und versuchen, den Menschen zu verstehen. Dadurch hätten sie bislang noch keine Probleme mit Aggressionen seitens der Geflüchteten gehabt. Schlechte Tage und schlechte Laune, die gebe es. "Manche Sachen dürfen wir einfach nicht persönlich nehmen", sagt Florian Schumacher.

Aber was können die beiden überhaupt tun? "Eine Perspektive können wir nur in Einzelfällen anbieten", sagt Florian Schumacher. "Unser Ziel ist es, die aktuelle Situation zu verbessern." Dass sie dabei von außen kommen und neutral sind, helfe. Zum Beispiel wenn es darum geht, Konflikte in der Unterkunft zu schlichten. Mrad und Schumacher stellen Kontakte her zum Traumanetzwerk, das Behandlungsmöglichkeiten für psychisch belastete Flüchtlinge anbietet, oder zur Fachstelle Sucht. Und sie suchen nach einer Beschäftigung für die Flüchtlinge. Etwas, womit sie ihrem Tag Struktur und auch einen Sinn geben können. Das ist derzeit aufgrund der Corona-Pandemie ein großes Problem "Vereine, Freizeitsport und alle anderen Angebote liegen brach", sagt Nadja Mrad. Was schon für Menschen mit einer stabilen sozialen Lage psychisch belastend ist, sei für Geflüchtete, die stark isoliert sind, eine Katastrophe.

Die bislang 13 Geflüchteten, mit denen Mrad und Schumacher arbeiten, sind psychisch auffällig, durch kriminelle Delikte und Gewalt in Erscheinung getreten. "Aber es sind Menschen, das darf man nicht vergessen", sagt Nadja Mrad. "Wir reflektieren viel über die Lage, in der sie sind", sagt Florian Schumacher. "Wie ist jemand so geworden? Ich kann dabei fast alles nachvollziehen." Er berichtet von einem Fall, der eine Arbeitserlaubnis bekam - "und die Kurve bekommen hat". Dass die geduldeten Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen und keinen Zugang zu Sprachkursen, zu anderen strukturellen Angeboten bekommen, sei Quatsch. Die Folgen seien höhere Kosten und mehr Aufwand für das Gesundheitssystem, die Justiz, die Behörden. Denn, sagt Nadja Mrad: "So macht man Menschen krank."

 

Von Kathrin Ganter


14.04.21

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